Hinweis zur aktuellen Versorgungssituation & was man tun kann
Warum ein Aufnahmestopp besteht
Leider ist meine Warteliste aktuell vollständig ausgelastet, sodass ich derzeit keine neuen Patientinnen und Patienten aufnehmen kann.
Es geht jedoch um ein größeres Problem: Nicht nur meine Praxis läuft am Limit. Täglich erreichen mich Anfragen von verzweifelten Menschen, die an Depressionen, Traumata, ADHS/Autismusbedingten Nachteilen in der Gesellschaft und vielen weiteren Problemen leiden. Aber die Kapazitäten von kassenzugelassenen Praxen werden trotz der größeren Not durch die Krankenkassen aus Kostengründen gleich gehalten. Und jetzt sollen sie sogar schrittweise zurückgefahren werden! Auch Diagnostik-Berichte für Patient:innen, die bereits bei anderen Therapeut:innen in Behandlung sind, kann ich nicht mehr durchführen, da die Kassen entsprechende Leistungen zurückfordern könnten, da diejenigen Therapeut:innen für eine umfassende Diagnostik verantwortlich sind, bei denen die Patient:innen in Behandlung sind. Also mit dem Problem, einen geeigneten Behandlungs/Diagnostik-Platz zu finden sind Sie nicht allein: In vielen Regionen ist die Nachfrage nach psychotherapeutischer Hilfe deutlich höher als die Zahl der zugelassenen Behandlungsplätze. Dies führt zu langen Wartezeiten und erschwert vielen Menschen den Zugang zu dringend benötigter Unterstützung.
Aber statt die Zahl der zugelassenen Praxen zu erhöhen, wurde die Vergütung für ambulante Psychotherapie kürzlich abgesenkt, um die Kosten für die Kassen um einige Millionen Euro zu senken, während die Kosten für Praxen in den letzten Jahren (Inflation, zusätzliche IT-Ausgaben, Lohnsteigerungen für Angestellte, Reinigungskosten, etc.) gestiegen sind. Diese Entwicklungen setzen wiederum Anpassungen der Praxen in Gang, die die Versorgungssituation zusätzlich belasten. Es geht also um ein strukturelles Problem in unserer Gesellschaft. Es geht darum, dass seit vielen Jahren absehbar ist, dass ein neoliberal entfesselter Kapitalismus Menschen und die Gesellschaft ausbeutet. Jetzt sind wir beim Gesundheitssystem angekommen und es wird bei denen gekürzt, die sich am wenigsten wehren können.
Es laufen nun verschiedene Aktionen, um darauf aufmerksam zu machen und diese Verschlechterung des deutschen Gesundheitssystems zu stoppen.
Leider bindet auch diese politische Arbeit meine Zeit, so dass ich verschiedene Leistungen – wie die Kommunikation mit Menschen, die noch nicht bei mir in Therapie sind – zurückfahren muss. Die Warteliste für PatientInnen der Gesetzlichen Kassen ist leider schon voll, so dass ich in der Kassenpraxis Neuwied keine neuen PatientInnen mehr aufnehmen kann.
Warum ich Sie darüber informiere
Viele Patientinnen und Patienten können ihre Situation in der Öffentlichkeit nicht gut sichtbar machen – sei es aus persönlichen Gründen oder aus Sorge vor Stigmatisierung. Politische Entscheidungen werden jedoch auch davon beeinflusst, wie deutlich Versorgungsprobleme wahrgenommen werden. Wir alle sind Gesellschaft. Und wenn wir zulassen, dass an unserer mentalen und körperlichen Gesundheit gespart wird, was kommt dann als nächstes?
Wenn Sie möchten, können Sie etwas tun
Man muss nicht gleich in eine Partei eintreten - aber das wäre besser als Populist:innen das Feld zu überlassen, die wie Trump alles nur noch schlimmer machen - je mehr Menschen aktiv an der Demokratie nicht nur bei Wahlen sondern auch bei der Gestaltung von Wahlprogrammen teilnehmen, desto representativer wird sie. Neben den politischen Parteien gibt es aber auch Verbände, Vereine und Nicht-Regierungsorganisationen, wo man sich einbringen und gemeinsam an einer Verbesserung der gesellschaftlichen Lebenssituation arbeiten kann. Ihre Erfahrungen (z.B. bei der Suche nach einem Therapieplatz) an gesundheitspolitische Entscheidungsträger weiterzugeben, etwa an Abgeordnete im Deutschen Bundestag, ist ein wichtiger Schritt, die wahre Versorgungssituation für die Politik sichtbar zu machen und langfristig zu verbessern. Dies ist selbstverständlich freiwillig. Aber je weniger Menschen resignieren und stattdessen aktiv werden, desto schwerer ist es für PolitikerInnen, an den Bedürfnissen der Menschen vorbei zu regieren.
Schon kurze persönliche Rückmeldungen an die zuständigen Stellen können dazu beitragen, dass die tatsächliche Versorgungssituation stärker wahrgenommen wird.
Sehr geehrte/r Frau/Herr MdB… / Sehr geehrte Frau Gesundheitsministerin Warken,
ich wende mich als BürgerIn an Sie als Entscheidungsträger:in, weil der aktuelle Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses zur Psychotherapie eine Entwicklung auslöst, die erhebliche Folgen für die psychotherapeutische Versorgung gesetzlich Versicherter hat.
Der Beschluss sieht eine Absenkung der Vergütung für psychotherapeutische Leistungen um 4,5% vor – und dies in einer Zeit, in der die Kosten für Praxen (Personal, Miete, Energie, IT) inflationsbedingt deutlich gestiegen sind. Real bedeutet dies für viele Praxen eine spürbare wirtschaftliche Verschlechterung, auf die diese mit einer Reduzierung ihrer Zeit für gesetzlich Versicherte reagieren, um gegenzusteuern.
Außerdem ist in Planung, die Leistungen und Ausgaben für Psychotherapie zu budgetieren, was nichts anderes als Deckelung bedeutet. Dies würde dazu führen, dass Praxen die viele PatientInnen behandeln noch weniger Vergütung bekommen - was mit Sicherheit die Therapieangebote noch weiter reduzieren wird. Hilfen für kranke Menschen müssen ausgebaut werden, hier darf man nicht kürzen und Wartezeiten verlängern!
Besonders problematisch ist der Zeitpunkt dieser Entscheidung zur Schwächung der Psychotherapie. Viele Menschen leiden derzeit infolge gesellschaftlicher Krisen, wirtschaftlicher Unsicherheiten und zunehmender psychosozialer Belastungen unter psychischen Problemen und suchen dringend Hilfe. Schon jetzt bestehen in vielen Regionen lange Wartezeiten auf psychotherapeutische Behandlungsplätze.
Eine Absenkung der Vergütung in dieser Situation setzt ökonomische Anreize, Behandlungsplätze verstärkt für Selbstzahler und privat Versicherte vorzuhalten, da dort deutlich höhere Honorare erzielt werden können. Die Folge wäre eine weitere Verschärfung der Ungleichheit im Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung – mit der Gefahr einer faktischen Behandlung nach Geldbeutel.
Nach meiner Kenntnis besteht derzeit nur noch eine Möglichkeit, die Bestandskraft dieses Beschlusses zu verhindern: eine Beanstandung durch das Bundesministerium für Gesundheit.
Ich möchte Sie daher herzlich bitten zu prüfen, ob Sie sich gegenüber dem Bundesministerium für Gesundheit dafür einsetzen können, dass dieser Beschluss beanstandet und erneut überprüft wird. Aus meiner Sicht steht hier nicht nur die wirtschaftliche Situation einzelner Praxen, sondern die Sicherstellung einer fairen und bedarfsgerechten psychotherapeutischen Versorgung gesetzlich Versicherter auf dem Spiel. Schon heute ist es unglaublich schwer, zeitnah einen Therapieplatz zu finden. Das darf sich nicht immer weiter verschlechtern!
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dieses Anliegen im Sinne der Patientinnen und Patienten unterstützen könnten.
Hinweis:
Informationen zu weiteren Therapieangeboten und zur Suche nach freien Plätzen finden Sie z. B. über die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung (Tel. 116 117).
Ich wünsche Ihnen, dass Sie zeitnah passende Unterstützung finden.
Alles Gute auf Ihrem weiteren Weg.